Oberurseler Wetterfrosch notiert jede Sonnenstunde: Die Tropen kommen näher

Hochtaunus Ein kalter Januar, Kapriolen im Frühling und Hochsommer im Juni – im ersten Halbjahr 2017 hat das Taunus-Wetter die volle Klaviatur gespielt. Der Sommer werde warm und vielen in positiver Erinnerung bleiben, prognostiziert der Oberurseler Hobby-Meteorologe André Schröder. Auch wenn dieser Tage viel Wasser vom Himmel fällt.

Es dräut gewaltig: Bei Gewitter, wie hier in der Nacht zum 23. Juli, gibt es auch im Taunus mehr und mehr Starkregenereignisse.
 
Es dräut gewaltig: Bei Gewitter, wie hier in der Nacht zum 23. Juli, gibt es auch im Taunus mehr und mehr Starkregenereignisse. Bild: Jan Eifert
 

 

Im Januar ging nicht nur dem Oberurseler Hobby-Meteorologen André Schröder das Herz auf, sondern auch seinen vier drei, sechs, neun und zwölf Jahre alten Söhnen: „Schlittschuhlaufen und Eishockeyspielen auf dem Maasgrundweiher, das war für sie das langersehnte Highlight!“, blickt Schröder zurück. Seit bald zwölf Jahren betreibt der Banker seine Wetterstation, sammelt im heimischen Garten in Weißkirchen ununterbrochen Daten und Fakten zum Taunus-Wetter. Auf seiner Internetseite (www.oberursel-wetter.de) veröffentlicht er die Beobachtungen. Im ersten Halbjahr 2017 spielte das hiesige Wetter die volle Klaviatur: Vom „schönen Hochwinterwetter“ bis zum „tollen Hochsommerwetter“, so Schröder, sei wirklich alles dabei gewesen, was das Klima in unseren Breiten zu bieten habe. März und Juni warteten mit Rekordtemperaturen auf – die 34,2 Grad am Donnerstagnachmittag, 22. Juni, waren denn auch der höchste Wert, den Schröder im ersten Halbjahr aufgezeichnet hat –, ansonsten habe es aber keine Extremereignisse gegeben.

Zu wenig Regen

Was dem Wetterbeobachter eher Sorgen bereitet: Das Niederschlagsdefizit hält an – trotz der Regenfälle der vergangenen Tage. Und es wird wärmer. Mit etwas mehr als 11 Grad liegt die Jahres-Durchschnittstemperatur bislang erneut mehr als 2 Grad über dem langjährigen Mittel.

Extreme indes waren im winterlichen Januar nicht zu verzeichnen: -9,6 Grad am Samstag, 7. Januar, der tiefste von Schröder gemessene Wert im ersten Halbjahr, knackt keine Kälterekorde.

„Die Temperaturen waren gar nicht so extrem. Und trotzdem hat das Eis auf dem Maasgrundweiher gehalten und wurde sogar dicker“, sagt Schröder, der diesen Umstand zu den größten Überraschungen zählt, die das Wetter im vergangenen halben Jahr bereithielt. Über 5,4 Grad kamen die Temperaturen den ganzen Monat nicht hinaus, und meist herrschten Minusgrade, was der Durchschnitt unter dem Gefrierpunkt belegt (-0,8 Grad). „Das ist selten“, kommentiert Schröder, der eine vergleichbare Wetterlage zuletzt im Februar 2012 aufzeichnete.

Die erforderliche Eisdeckenstärke von zwölf Zentimetern, die Spiel und Spaß volle zehn Tage lang standhielt, hat Schröder selbst gemessen. Noch immer ist der Wetterexperte begeistert vom Spektakel, das sich zwei, maximal drei Mal im Jahrzehnt bietet.

Der Februar dann sei „das Gegenteil von Winter“ gewesen; Schröder registrierte 22 Regentage einhergehend mit milden Temperaturen (Durchschnitt: 5 Grad), und es herrschte Tiefdruckwetter. „Solch ein Wetter ist monatelang ein seltenes Schauspiel gewesen, meist dominierte Hochdruckwetter.“ Im März kletterten die Temperaturen auf einen Rekordwert: „9,2 Grad im Durchschnitt – so warm war es hier noch nie.“ 2013 etwa sei der März mit 1,5 Grad noch ein Wintermonat gewesen, stellt Schröder heraus. „Interessant war dann, dass der April genauso warm, also kalt, aber sehr sonnig, wie der März war.“ Zudem extrem trocken: Pro Quadratmeter fielen nur 16 Liter Regen – im ganzen Monat.

Weitere Wetterkapriolen bereiteten zusätzliche Probleme; nachdem im März keine Minusgrade gemessen worden waren – „phänomenal“ –, stellte später Frost nach Ostern viele Obstbauern vor Schwierigkeiten mit der schon vorangeschrittenen Blüte. „Die Natur wurde im April durch das kühle und trockene Wetter regelrecht eingebremst.“ So habe die Vegetationsphase später als in den vergangenen Jahren begonnen. Und es gab Verluste: „Ich hatte, wie viele andere, keine Kirschen und keine Birnen“, beklagt er.

Im Mai kamen die ersehnten und wichtigen Niederschläge. 73 Liter fielen pro Quadratmeter. „Das erste Mal seit elf aufeinanderfolgenden Monaten wurde das Niederschlagssoll wieder erfüllt“, berichtet Schröder, gibt aber zu bedenken: „Für tiefe Bodenschichten war das nur der Tropfen auf den heißen Stein.“ Die Temperaturen reichten von 2 bis über 33 Grad.

Zeichen des Klimawandels

Heiß war es auch im Juni, und zwar richtig. „Mit 20,8 Grad im Durchschnitt wurde selbst der Juni 2006 übertroffen – das war ein Hochsommermonat“, sagt Schröder, der prognostiziert, dass es warm bleibe. „Ich erwarte keine großen Veränderungen. Der Sommer 2017 wird vielen wohl in positiver Erinnerung bleiben.“ Solch trockene Perioden, so Schröder, habe es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, die steigenden Temperaturen indes seien klar Zeichen des Klimawandels. „Wenn es Rekorde gibt, gehen die immer in die eine Richtung.“

Diplom-Meteorologe Dominik Jung von wetter.net kann da nur zustimmen. „Global und deutschlandweit steigen die Temperaturen. Und das wird anhalten. Es wird bei Gewitterwetter auch mehr Starkregenereignisse geben. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte.“ Der Sommer in der Region sei bisher sehr warm ausgefallen; der Juni sei um ganze 3,2 Grad wärmer gewesen als das langjährige Mittel. Dabei fiel in Rhein-Main mit 25 Litern Regen pro Quadratmeter nur ein Drittel des Durchschnittswerts.

„Das typische Auf und Ab – Hitzewellen/wechselhaftes Wetter – wird bis Ende August, also bis zum Ende des meteorologischen Sommers, so weitergehen“, prognostiziert Jung, der für die zweite Jahreshälfte einen durchschnittlichen Verlauf erwartet. Wie genau das Wetter aber werde, das erfasse kein Klimamodell.