Dienstag, 04 Januar 2011 08:41

ein merkwürdiger Dezembermonat

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Im Dezember 2010 betrug das deutsche Flächenmittel nach vorläufigen Berechnungen -3.5°C und war damit bezogen auf die Normalperiode 1961/90 um 4.3 k und gemäß einer Normalperiode 1971/2000 sogar um 4.9 k zu kalt. Dabei gab es freilich bedeutende Unterschiede zwischen dem Südwesten/Westen und dem Osten Deutschlands, so betrug das Dezembermittel in Frankfurt/M -1.6°C, in Dresden -4.5°C. Der Monat war außerdem deutlich zu nass. Und in Anbetracht einer defizitären Sonnenstundensumme von 25 % gegenüber dem eh schon kläglich bemessenen mittleren Wert stieg der Verzehr von Winterdepressionsschokolade ins Unermessliche ( halt immer noch besser als Wodka). Üblicherweise sind negative Temperaturabweichungen dieser Größenordnung in einem Wintermonat einem Überwiegen des GT E mit häufiger Advektion kontinentaler Kaltluft cP, xA oder in selteneren Fällen auch cA geschuldet zusammen mit relativ geringer Niederschlags- und eher positiver Sonnenscheinbilanz. Man erkennt daher unschwer, dass der Dezember 2010 von einem klassischen Strengwintermodus weit entfernt war.

Nach ungewöhnlich warmer Witterung mit Temperaturen bis zu 20°C im Südwesten Deutschlands erfolgten ab der 3. Novemberdekade an der Ostflanke eines Langwellenrückens über dem östlichen Nordatlantik wiederholt ausgeprägte Vorstöße arktischer Meeresluft nach Mittel- und Westeuropa und leiteten hier ein ungewöhnlich frühes Winterszenario ein. So konnte sich mit Beginn des klimatologischen Winters in ganz Deutschland und sogar in England so wie Irland flächendeckend eine stetig weiter anwachsende Schneedecke bilden, ein für Anfang Dezember ganz außergewöhnliches Ereignis. Berücksichtigt man nun den Umstand, dass die Advektion arktischer Meeresluft nach Mitteleuropas (im Niveau 500 hPa bisweilen bis unter -40°C) vorzugsweise auf dem Seeweg über das noch bis zu 8°C warme Meer erfolgte, so muss das Temperaturergebnis erst recht erstaunen und ist sicher trotz kurzer und im Westen und Süden auch etwas längerer Tauwetterintervalle auch die Folge der Albedowirkung einer geschlossenen Schneedecke. Die GWL und Luftmassen, jeweils bezogen auf Frankfurt/M, sollen ihre überwiegend maritime Herkunft bestätigen:

1.12. NEZ / xA 6. TRM / xP 11. NWZ / mSp 16. NZ / mA 21. WS / cP 26 TRM/xA
2. TM / xA 7. WS / mPs 12. NZ / mP 17. TRM / mA 22. WS / mSp 27. NEZ/mA
3. TM / xA 8. NWZ / mA 13. NZ / mA 18 TRM / mA 23. U / mSp 28. NEZ/cP
4. TRM / mA 9. NWZ / mA 14.NZ / mA 19. WS / cP 24. TRM/mA 29. NEZ/cP
5. TRM / xPs 10 NWZ / mA 15. NZ / mA 20. WS / cP 25. TRM/mA 30. BM/cP
31.BM /cP

Besonders beeindruckend war ein mächtiger Vorstoß arktischer Luftmassen aus der Grönlandsee Richtung Europäisches Nordmeer und Nordsee gegen Monatsmitte. In meiner Wetterbesprechung für das Berliner Prognosenturnier am 17.12. (ich war mal wieder dran) hatte ich die Atmosphäre als Wiederholungstäter entlarvt und doch kam ich nicht umhin, die Hoffnung einer möglichen Umstellung der GWL auf zonale Zirkulation anzudeuten. Ursache für diesen Hoffnungsschimmer war eine in allen Modellen prognostizierte zyklonale Drehung der Trogachse auf zonale Strömungsform infolge Ausweitung der Kaltluft zum westlichen Nordatlantik . Dies traf auch zu doch verursachte sie nun im Rahmen der GWL WS über Mitteleuropa eine niederschlagsreiche Grenzwetterlage mit mS und Tauwetter in Süddeutschland und Polarluft im Norden wobei die Grenze zeitweise etwa entlang der Mainlinie verlief. Aber auch sonst erwies sich die Hoffnung als trügerisch: Infolge einer starken zyklonalen Entwicklung im Seegebiet östlich von Neufundland mit ihrer korrespondierenden Warmluftadvektion wurde stromabwärts das ursprüngliche Langwellenmuster rasch wieder etabliert. Gegen Monatsende stellte sich nach Abwanderung eines cut off über Osteuropa nach Süden eine Hochdruckbrücke ein, die in der Osthälfte und im Bereich der Luftmasse cP über geschlossener Schneedecke zu weiterer Frostverschärfung führte.


Fassen wir zusammen : Das Beispiel Dezember 2010 zeigt, dass sehr kalte Wintermonate nicht zwangsläufig das Ergebnis häufiger oder überwiegender Zufuhr kontinentaler Kaltluft sein müssen, sondern sich auch in maritimer Arktikluft bei überwiegend tiefem Luftdruck einstellen können. Voraussetzung ist freilich eine beständige flächendeckende und ausreichend mächtige Schneedecke mit ihrer kältekonservierenden Albedowirkung und eine gradientschwache Druckverteilung mit gelegentlichem Absinken und nächtlichem Aufklaren.

Doch wie geht es nun weiter ? Eine Zusammenstellung aller Dezembermonate der Baurschen Reihe mit einer negativen Abweichungen ab - 4.0 k und denen der danach folgenden Wintermonaten soll uns einen kleinen statistischen Hinweis geben.

Jahr XII I II Jahr XII I II

1788 -9.6 -2.5 +1.8 k
1798 -4.0 -2.7 -2.4
1799 -4.8 +0.5 -2.3
1808 -4.4 -1.4 +2.4
1812 -4.9 -2.3 -2.4
1829 -6.6 -5.8 -4.2
1840 -6.7 0.0 -3.4
1844 -4.5 -1.5 -5.0
1853 -4.7 +1.5 -0.5
1855 -4.3 +2.6 +1.9
1870 -4.2 -3.6 -0.6
1871 -4.4 +1.4 +1.4
1879 -6.8 -1.3 +0.4
1890 -5.5 -3.8 -1.5
1933 -5.2 +0.2 +0.6
1963 -4.1 -2.0 +0.9
1969 -4.9 -1.3 -0.4


Wir können feststellen : 1. Die dem Dezember folgenden Wintermonate weisen keine noch größere negative Abweichbeträge auf. 2. Es gibt 6 Winter mit negativen Abweichungen auch im Januar und Februar, in 11 Wintern war zumindest ein Monat zu warm oder fiel zumindest normal aus. 3. Die positiven Abweichungen halten sich in Grenzen, selbst der höchste Wert mit +2.6 k liegt noch unterhalb der Standardabweichung von 2.8 für die Normalperiode 1971/2000. 4. Der letzte sehr kalte Dezember einer hier betrachteten Größenordnung liegt 41 Jahre zurück.5. Den vielleicht kältesten Winter aller Zeiten 1829/30 sollte man nicht in unsere Betrachtungen einbeziehen, war er doch eine absolute Ausnahme Fazit : statistisch gesehen könnte der Hochwinter 2011 etwas gelinder als der vorangegangene Dezember ausfallen, doch werden uns auch in den noch folgenden Wintermonaten markante Kälteperioden nicht erspart bleiben. Das jetzt bereits mittelfristig simulierte Ereignis kommt uns irgendwie bekannt vor, dürfte aber gleichwohl erfolgversprechender sein als sein Vorgänger mit freilich sehr üblen Folgen bezüglich Hochwasser ( der Tauwind kam vom Mittagsmeer ....). Danach wird sich die meridionale Zirkulation sehr wahrscheinlich wieder einpendeln. Die Atmosphäre also doch ein Wiederholungstäter. Lo siento mucho

Quelle: Hans,  Mitglied Forum Wetterzentrale.de

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